Ansprache des Vorsitzenden des Kulturvereins Fritzlar, Herrn Dr. Ulrich Skubella

Meine sehr geehrten Damen und Herren !

Heute ist Gunter Demnig in der Stadt, um die ersten Stolpersteine für die Fritzlarer Opfer des Holocaust zu verlegen.

In diesem Hause, Marktplatz 13, lebte Max Mark. Sein Schicksal ist exemplarisch für einen großen Teil der jüdischen Fritzlarer. Geboren wurde er am 19. Dezember 1872. Hier in diesem Hause betrieb er eine Schuhmacherwerkstatt. Viel ist über ihn nicht bekannt. Wahrscheinlich hat er ein bescheidenes und unauffälliges Leben geführt. Von früh bis abends wird er in seiner Werkstatt gesessen und die Schuhe der Fritzlarer besohlt haben. Mit seinen christlichen Nachbarn wird er in gutem Einvernehmen gelebt haben. Er wird deutsch mit nordhessischem Einschlag gesprochen haben, und der wichtigste Unterschied wird darin bestanden haben, dass er am Sonntag in die Synagoge ging, seine christlichen Nachbarn aber in den Dom.

Als 1933 die Nationalsozialisten die Macht übernahmen, begannen für die jüdischen Deutschen Repressalien und Demütigungen, die sich von Jahr zu Jahr steigerten.

Viele emigrierten ins Ausland, viele aber, so auch Max Mark, suchten Zuflucht in der Anonymität der großen Städte. Max Mark zog nach Berlin-Schöneberg. Dort wurde er 1942 verhaftet, ins KZ Litzmannstadt (Lodcz) deportiert und am 15. Juni 1942 ermordet.

Meine Damen und Herren, Sie wissen, dass den Häftlingen, nicht nur den Juden, sondern auch Roma und Sinti, den politischen Gegnern, den bekennenden Christen und den Homosexuellen ihre Namen genommen wurden. Stattdessen erhielten sie eine Nummer. Dieser bürokratische Vorgang hatte einen zutiefst menschenverachtenden Sinn: der Name eines Menschen ist ja ein unauslöschlicher Bestandteil seiner Identität. Wenn das Neugeborene das Licht der Welt erblickt, erhält es von seinen Eltern einen Namen. Diesen Namen behält der Mensch bis an das Ende seines Lebens, ja, darüber hinaus. In seinem Namen lebt er fort. Mit der Eliminierung des Namens begann in den KZ der Prozess der Vernichtung der Opfer.

Indem wir heute einen Stolperstein für Max Mark legen, geben wir ihm seinen Namen zurück. Damit machen wir den Mord nicht ungeschehen. Aber wir und alle, die demnächst hier vorübergehen, wissen, dass hier, Marktplatz 13, Max Mark gelebt hat und dass er sterben musste, weil er einer von den Gewaltherrschern verfolgten Minderheit angehörte. Wenn er uns aus dem Jenseits zuschauen könnte, dann müsste das, was wir hier heute tun, Balsam für seine verletzte Seele sein, Balsam auch für alle anderen, die sein Schicksal teilten und auch für die, die das Inferno überlebten, und ihre Kinder.

Die Stolpersteine sollen aber nicht nur eine Erinnerung an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft sein, sie sollen auch eine Mahnung für uns Heutige sein, besonders für die junge Generation. Diese Bundesrepublik Deutschland ist der beste und toleranteste Staat, den es je auf deutschem Boden gab. Passen wir auf, und vor allem Ihr Jungen, passt auf, dass er es bleibt. Verhindert, dass Euch dieses tolerante Land noch einmal von intoleranten Fanatikern entrissen wird!